KSA Institut für Klinische Seelsorgeausbildung Heidelberg

Der geschlossene 6-Wochen-Kursteil

In der 1. Woche


Wenn PatientInnen den Einbruch der Krankheit oder den schleichenden Prozeß ihrer Krankheit als Zerstörung oder Entwertung ihres Lebens erfahren, ist es Aufgabe der KrankenhausseelsorgerInnen, sie darin zu unterstützen, mit der neuen, oft verstörenden und irritierenden Erfahrung ihrer Krankheit eine neue Sicht und Neubewertung ihres Lebens zu suchen, das Neu- oder Wiedergewinnen von Wünschen und Visionen zu ermöglichen und sich als GesprächspartnerIn zur Verfügung zu stellen, mit der/dem ohne die gegenüber Angehörigen, ÄrztInnen, PflegerInnen häufige Rücksichtnahme, Vorsicht oder auch Festgelegtheit gesprochen werden kann. Damit die Krankenhausseelsorge diese Suche der PatientInnen fördern kann, ist es sinnvoll, sich selbst mit den Schwierigkeiten solcher neuer Wahrnehmung des eigenen Lebens aufgrund von Krankheitserfahrungen biographisch auseinandergesetzt zu haben.
 
In der ersten Woche wird gelernt, die eigene Krankheitsbiographie theologisch zu reflektieren, um sie als reflektierte Erfahrung zum Ausgangspunkt einer biographisch orientierten KSA und einer nachvollziehbaren Verkündigung des Evangeliums im Krankenhaus fruchtbar machen zu können.
 
Außerdem wählen in der ersten Kurswoche die KursteilnehmerInnen ihre Station aus, auf der sie arbeiten möchten, werden dort von den Institutsleitern vorgestellt, von einem/einer ÄrztIn bzw. einer Schwester/einem Pfleger eingeführt. Sie werden eingeladen, an institutionalisierten Formen der interdisziplinären Kooperation teilzunehmen. Und beginnen mit den ersten Krankenbesuchen.

In der 2. bis 5. Woche


In den folgenden Wochen geht es darum, exemplarisch an einzelnen PatientInnen, die die KursteilnehmerInnen auswählen, langsam und konzentriert uns darin auszubilden, PatientInnen wahrzunehmen: achten zu lernen auf die Wahrnehmungen und Ausdrucksweisen von PatientInnen in ihrer Unterschiedlichkeit, besonders auf die in der Klinik meist nichtbeachteten und nichtgeachteten Wahrnehmungen und Ausdrucksweisen, die theologischen Fragen von Kranken und die Gebete von Kranken hören und weitergeben zu lernen, die oft ihre besondere Kraft darin haben, daß sie nicht auf den ersten Blick, nicht auf das erste Hören als theologisch relevant zu identifizieren sind und ungewohnte, den Tröstungsversuchungen widerstehende Denkweisen, Zweifel, Fragen, Schreie ahnen oder sogar laut werden lassen.

Nachdem in der ersten Woche die Kursgruppe auf die Krankheitsbiographie der einzelnen TeilnehmerInnen geschaut hat, verbinden wir in den folgenden Wochen den krankenhausseelsorglichen Blick auf einzelne Kranke, die von den TeilnehmerInnen besucht werden, mit diesen eigenen Krankheitserfahrungen der TeilnehmerInnen, um „sehend zu werden – sichtbar zu werden“ (Christine Schaumberger). Dabei wird die Differenz ausgelotet zwischen der Notwendigkeit, sich in die einzelnen Kranken einfühlen zu lernen, und der Notwendigkeit, die jeweilige Fremdheit anerkennen zu lernen. Und es wird an den eigenen Krankheitsgeschichten erfahrbar, wie schnell man beim Verknüpfen von Krankheitsgeschichten in Gefahr gerät, Leiden „meßbar zu machen“ bzw. Leiden zu hierarchisieren, und wie schwer es ist, solche Einordnungen, und damit auch Abwertung und Verharmlosung von Krankheiten und Krankheitserfahrungen zu verlernen. Dies jedoch gehört zu dem Prozess, mehr und mehr zu verstehen, was es bedeutet und was es von einem/einer verlangt, sich mit der eigenen Krankheitsbiographie einer Patientin/einem Patienten zur Verfügung zu stellen. Das Ziel ist, in der Krankenhausseelsorge ein Klima zu schaffen, in dem die PatientInnen über ihre Körperempfindungen sprechen können und für diese Mitteilungen Anerkennung erfahren.

Eine für die KursteilnehmerInnen oft neue Lernerfahrung besteht darin, den anderen Fachgruppen gegenüber Ausdrucksweisen und Wünsche der PatientInnen und auch deren Gebete deutlich zu machen und dabei so zu sprechen, daß mit der eigenen Stimme auch die Stimmen der PatientInnen zu Gehör kommen.

Jede Teilnehmerin/jeder Teilnehmer soll darin unterstützt werden, in eine Krankenhausseelsorge hineinzuwachsen, die zu den eigenen Besonderheiten paßt und die eigenen Befähigungen wirksam werden läßt.

In der 6. Woche


Die Zwischenauswertung in der 6. Woche ist, wie es dem Stellenwert der Krankheitsbiographien in diesem Kursteil entspricht, konzentriert auf personbezogene Feedbacks. Dies geschieht auch in Hinblick darauf, daß in den kommenden 14-Tage-Teilen die KursteilnehmerInnen ihren Habitus und ihre Rollen als KrankenhausseelsorgerInnen nicht ohne Bezug auf ihre persönlichen Besonderheiten entwickeln.

Ein zweiter Schwerpunkt der schriftlichen und mündlichen Zwischenauswertung ist die erste Formulierung eigener Selbstverpflichtungen für die Praxis als KrankenhausseelsorgerIn.