KSA Institut für Klinische Seelsorgeausbildung Heidelberg

Zentrale Aufgabe der Krankenhausseelsorge und der Klinischen Seelsorgeausbildung ist, wahrnehmen zu lernen.

Im Johannesevangelium wird das Jesuswort überliefert: „Kommt und seht“. Der Politische Theologe Johann Baptist Metz spricht von der „Mystik offener Augen“, der Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez leitet dazu an, „mit den Augen der Armen sehen zu lernen“, die feministische Befreiungstheologin Christine Schaumberger fordert „eine Theologie, die den Schrei der Stummgemachten zum Tönen bringt“. Diese TheologInnen erinnern, dass das Christentum eine Religion offener, wacher Sinne ist.

Kranke Menschen im Krankenhaus dürfen nicht zu Objekten – weder der Seelsorge noch der Medizin – werden. Wenn wir als SeelsorgerInnen, TherapeutInnen und Kranke uns von unseren Leben erzählen und uns der Vergessenen zu erinnern suchen, können wir – durch diesen Wahrnehmungsprozess im Krankenhaus – wieder zu Subjekten unseres Lebens und Sterbens werden.

Am Heidelberger Institut für Klinische Seelsorgeausbildung haben wir ein Ausbildungskonzept entwickelt, um miteinander zu lernen und zu lehren, wie KrankenhausseelsorgerInnen die christliche Erinnerung im Krankenhaus als gefährlich-befreiende Erinnerung suchen, teilen und verkünden können. Wir greifen damit die Benennung „gefährliche Erinnerung“ auf, die Johann Baptist Metz als fundamentale Kategorie Politischer Theologie formuliert und ausgearbeitet hat.

Die gefährlich-befreiende christliche Erinnerung wird Stück für Stück, tagtäglich, immer wieder neu, kritisch und selbstkritisch geteilt und weitergegeben,

  • wenn wir solidarisch sind und mitleiden;
  • wenn wir Krankheit und Sterben als Leben – zugehörig zu unseren Lebensgeschichten – sehen;
  • wenn wir Erfahrungen von Kranken und Sterbenden und die Erinnerung der Toten als Ausgangspunkt und Maßstab unseres Blicks auf die sogenannten Gesunden in Kirche und Gesellschaft nehmen und Kranke und Sterbende dabei unterstützen, feststehende Behandlungsabläufe zu kritisieren und Behandlungsdiktate zu unterbrechen;
  • wenn wir trösten und Mut machen zum Trauern, wenn wir Fragmente unserer Leben suchen, miteinander teilen und achten, wenn wir von lebenden und toten FreundInnen erzählen, wenn wir Vergessene und beim Überleben Verlorengegangenes vermissen und die Gemeinschaft der Lebenden und Toten zu vergegenwärtigen suchen.


Durch die Teilnahme an einem Kurs in Klinischer Seelsorgeausbildung sollen SeelsorgerInnen wahrnehmen lernen:

  • sich selbst mit ihren Lebensgeschichten, ihren Kontexten, ihren Traditionen, Theorien und „Selbstverständlichkeiten“, ihrem Glauben, ihren Lebensentwürfen und Erfahrungen als Möglichkeiten und Grenzen ihrer Seelsorge;
  • einzelne Kranke, denen sie in der Krankenhausseelsorge begegnen, mit ihren eigenen Erfahrungen ihrer Krankheit und Situation im Krankenhaus, mit ihrem eigenen Blick auf ihre Angehörigen, TherapeutInnen und SeelsorgerInnen, mit ihrer eigenen Deutung ihrer Lebensgeschichte und ihren eigenen religiösen Fragen, in ihrer Einzigartigkeit und in ihrer Bedeutung für die/den KrankenhausseelsorgerIn;
  • den Kontext, in dem sie als KrankenhausseelsorgerInnen arbeiten, z. B. Struktur, Organisation, Funktionsablauf, Hierarchie eines Krankenhausssystems; das öffentliche Bild von Krankheit und Kranken in einer Leistungsgesellschaft;
  • die Spannung von herrschendem öffentlichem Bild von christlicher Religion und Seelsorge und den gefährlich-befreienden Leidenserinnerungen und Leidenstraditionen der Gemeinschaft der Lebenden und Toten in ihrer wahrnehmungserweiternden und wahrnehmungsverändernden Kraft.


In der Klinischen Seelsorgeausbildung versuchen wir, diesen Wahrnehmungsprozeß zu fördern:

  • im Krankenhaus: jede(r) KursteilnehmerIn erhält am Ausbildungsort als Praxisfeld in der ersten Kurseinheit eigenverantwortlich Krankenstationen, Möglichkeiten der Hospitation (auf Intensivstationen, in Balintgruppen, etc) und übernimmt Gottesdienste und seelsorgliche Bereitschaftsdienste. Durch die fraktionierte Kursform des 12-Wochen-Kurses wird in der zweiten, dritten und vierten Kurseinheit das eigene Praxisfeld vor Ort in die Praxisreflexion der Lerngruppe mit einbezogen;
  • in der Praxisreflexion der Lerngruppe: Gesprächsprotokollanalysen, Rollenspiele, Predigtanalysen und Gottesdienstnachbesprechungen, Theoriediskussionen, Lektüre ausgewählter Texte zu kontextueller Theologie und Krankenhausseelsorge, Kontextanalysen;
  • in (selbst-)erfahrungs- und erlebnisorientierter Gruppenarbeit: z. B. in freiem Gruppengespräch, Auseinandersetzung mit moderner Kunst, Konzentrativer Bewegungstherapie, Kinästhetik, Basaler Stimulation;
  • in wöchentlichen Einzelsupervisionen.