KSA Institut für Klinische Seelsorgeausbildung Heidelberg

Jedes Jahr wählt das Institut ein literarisches oder theologisches Zitat als ZeitDiagnose, das im Jahresprogramm abgedruckt wird.
 
Bisherige ZeitDiagnosen:

2004 / 2005

„Wie leben die Lebenden mit den Toten? Bis zur Enthumanisierung der Gesellschaft durch den Kapitalismus erwarteten alle Lebenden die Erfahrung des Todes. Das war ihre letzte Zukunft. Für sich allein waren die Lebenden unvollständig. So hingen Lebende und Tote voneinander ab. Immer. Nur eine ausschließlich moderne Form des Egotismus hat diesen Zusammenhang zerbrochen. Für die Lebenden mit der katastrophalen Folge, daß sie sich nun die Toten als die Ausgelöschten vorstellen.“

John Berger, Zwölf Thesen zur Ökonomie der Toten, in: ders., Wegzeichnung, München 2001

2005 / 2006

„Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten. Daß wir es erzeugen, dieses Spannungsverhältnis, an dem wir wachsen, darauf, meine ich, kommt es an; daß wir uns orientieren an einem Ziel, das freilich, wenn wir uns nähern, sich noch einmal entfernt.“

Ingeborg Bachmann, , Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, in: dies., Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, München 1981, 75-77.76

2007 / 2008

„Und daß wir aus der Flut,
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.“

Aus dem Gedicht „Bitte“ von Hilde Domin, in: dies., Sämtliche Gedichte, Frankfurt am Main 2009, 181f. 182

2008 / 2009

Die Philosophin Eva Feder Kittay zeigt, wie das Leben mit ihrer Tochter Sesha, die als schwer kognitiv beeinträchtigt gilt, ihr Nachdenken darüber, was im Leben wichtig ist, verändert:

Ich habe auch gelernt:

  • dass die aus Not und Liebe gebildete Abhängigkeit uns allen wesentlich ist;
  • dass die Fürsorge, die dieser Not und Abhängigkeit entspricht, genau das ist, was wichtig ist, und dass es wichtiger werden kann als alles Andere;
  • dass diese Abhängigkeit nichts Schlechtes ist, das angeprangert, beiseite geschoben und versteckt werden muss, nur weil wir uns als "unabhängig" darstellen.


Die beharrliche Betonung von Unabhängigkeit, die genauso oft in unserer modernen und postmodernen Welt vorkommt wie in den philosophischen Werken, und die das Personsein meiner Tochter herabsetzt, ist eine Manifestation unserer Flucht vor unserer eigenen ängstlichen Abhängigkeit – eine Flucht, in die sich Philosophen blindlings immer wieder verstrickt haben.

Eva Feder Kittay, Die Suche nach einer bescheideneren Philosophie: Mentalen Beeinträchtigungen begegnen - herausfinden, was wichtig ist, Redemanuskript IMEW (Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft) Berlin 2007. Quelle

2009 / 2010

„So bin ich: ich schaue der Spinne zu
wie sie von neuem aufbaut – ‚geduldig‘ sagen sie
aber ich erkenne in ihr
Ungeduld – meine eigene –
die Leidenschaft wieder und wieder zu schaffen
wo solches Zerstören herrscht“

Aus dem Gedicht „Bodenschätze“ von Adrienne Rich, in dies., Der Traum einer gemeinsamen Sprache, München 1980, 72-79.76

2010 / 2011

„Ich höre jetzt nur noch das Wehklagen meiner ratlosen Seele. Sie möchte gern etwas erleben, was ihrer Zartheit entspricht, und nicht immerzu dem Zwangsabonnement der Wirklichkeit ausgeliefert sein.“

In: Wilhelm Genazino, Das Glück in glücksfernen Zeiten. Roman, München 2009, 9f

„Damals. Wenn man damals Anfang zwanzig war, konnte man ein paar Jahre lang denken, daß die Welt von Jahr zu Jahr besser wird. Von Sommer zu Sommer. Und die Sommer auch immer besser. Und daß man auch selbst seinen Anteil daran, daß wir es sind, die das zustandebringen.“

In: Peter Kurzeck, Oktober und wer wir selbst sind. Roman, Frankfurt am Main – Basel 2007, 188

2011 / 2012

„Wir scheinen heute eine Rationalisierung der Sinne zu erleben. Die Kunst der Verfeinerung gerät in Vergessenheit, und die Aufmerksamkeit für Detail, Vertiefung und bedächtige Auseinandersetzung wird vernachlässigt.“

Das Mühen um Wahrnehmung „verstärkt … das Bedürfnis, unser Verständnis der Sinne kritisch zu revidieren“ und „fordert damit die Simplifizierung heraus, die in die heutige Vorstellung von dem eingedrungen ist, was wir empfinden, erfahren und emotional verarbeiten können.“

Formuliert in Anlehnung an: Olafur Eliasson, Banderole zu Kenya Hara, Weiss, Baden (Schweiz) 2007

2012 / 2013

„Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas, das erst noch kommen wird. Wenn es eine gibt, ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir jeden Tag leben, die wir durch unser Zusammensein bilden. Es gibt zwei Arten, nicht unter ihr zu leiden. Die erste fällt vielen leicht: die Hölle zu akzeptieren und so sehr Teil von ihr zu werden, daß man sie nicht mehr sieht. Die zweite ist riskant und verlangt ständige Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft: zu suchen und erkennen zu lernen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Dauer und Raum zu geben.“

Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte, München (Hanser) 2009, 174

„Aufschreiben, was man sieht (…). Nichts fällt uns auf. Wir vermögen nichts zu sehen. Man muß behutsamer vorgehen, fast naiv. Sich zwingen, das zu schreiben, was ohne Bedeutung ist, was das Selbstverständlichste, das Allgemeinste, das Glanzloseste ist.“
 
Georges Perec, Träume von Räumen, Frankfurt am Main (Fischer) 1994, 64